Ruhig grasen die Wagyū-Rinder von Johan Bjørneby auf einer großen eingezäunten Weide direkt neben dem Stall. Auf den ersten Blick scheint es, als könnten die Tiere die gesamte Fläche nutzen. Doch bei genauerem Hinsehen – und Hinhören – fällt auf: Die Rinder halten sich nur in einem bestimmten Teil der Koppel auf. Nähern sie sich einer unsichtbaren Grenze, die die Fläche längs teilt, ertönt ein akustisches Signal. Dieses geht von einem Halsband, das jede Mutterkuh trägt, aus. Während fast die ganze Herde dieses Signal respektiert, nähert sich eine Kuh der unsichtbaren Linie. Sie ignoriert die akustischen Piepstöne, die vom Halsband ausgehen, geht einen weiteren Schritt nach vorne und bewegt den Kopf in Richtung Boden. Das Gepiepse wird lauter. Plötzlich neigt die Kuh den Kopf und weicht einen Schritt zurück.
Elektrischer Impuls beim Überschreiten
Weidehaltung, ohne Zaunstipfel zu tragen, Schnüre zu spannen oder täglich Pfähle nachzustecken – für viele Bauern unvorstellbar. In Neuseeland, Australien und den USA sind virtuelle Zäune vereinzelt bereits gelebter Alltag. Neben dem Vereinigten Königreich, Irland, Finnland und Spanien nutzen auch Bauern in Norwegen dieses System für ihre Weidehaltung. Einer davon ist Johan Bjørneby. Er bewirtschaftet seinen konventionell geführten Betrieb in fünfter Generation südlich von Oslo. Dort züchtet er Wagyū-Rinder, hält Freilandschweine und vermarktet sein gesamtes Fleisch im eigenen Hofladen. Virtuelle Zaunsysteme wurden ursprünglich für Ziegen entwickelt, da diese Tiere die geschicktesten Ausreißer sind und jede Lücke nutzen, um zu entkommen. Da die Anschaffungskosten aber hoch sind, werden derzeit vor allem Rinder damit bestückt. Die Tiere tragen dabei ein Halsband, das mit einem GPS-Empfänger ausgestattet ist. Je nach Anbieter kostet ein Halsband für ein Rind derzeit zwischen rund 250 und 340 Euro. Jene für Ziegen und Schafe sind um etwa 100 Euro günstiger und kleiner ausgeführt. Individuelle Servicepauschalen, Aufladegeräte oder Extrabatterien verursachen zusätzliche Kosten. Die Hersteller empfehlen, jedes Tier in der Herde mit einem Halsband auszustatten. Die Halsbänder werden je nach Anbieter entweder über Batterien gespeist oder über Sonnenkollektoren aufgeladen. Mithilfe einer App und einer Satellitenkarte am Mobiltelefon kann der Bauer das Weidegebiet durch virtuelle Zäune abgrenzen. Bjørneby, der das System des norwegischen Start-ups Monil im Einsatz hat, braucht Mobilfunkempfang, um seinen Zaun zu errichten. Er zieht den Zaun deshalb, bevor die Rinder auf der Weide sind. Die Halsbänder werden über GNSS (satellitengestützte Navigationssysteme) und Mobilfunkempfang betrieben. Der Zaun funktioniert, solange das Halsband Strom und ein GNSS-Signal hat. Die mobile App benötigt entweder WLAN oder Mobilfunkempfang.

Wie funktionieren virtuelle Zäune?
Nähert sich das Tier der virtuellen Grenze, ertönt zunächst ein akustisches Warnsignal in Form einer Tonskala. Ignoriert das Tier die Töne, folgt ein elektrischer Impuls. Zieht sich das Tier nicht in den definierten Weidebereich zurück, wiederholt sich der elektrische Impuls. Im Vergleich zum Stromschlag, den eine Kuh bei einem Weidezaun erfährt, ist der Impuls durch den virtuellen Weidezaun am Halsband etwa 25-mal schwächer. Die Stelle am Hals ist zudem weniger schmerzempfindlich als das Flotzmaul. Übertritt das Tier den virtuellen Zaun, wird der Reiz automatisch deaktiviert und der Bauer bekommt eine Nachricht am Smartphone. Von dort aus kann der Landwirt die genaue Position des Tieres lokalisieren. Tritt das Tier den Rückweg an, gelangt es ohne elektrischen Impuls wieder zurück in die Koppel.

Dieser Artikel hält weiters für Sie bereit:
- Wie funktionieren virtuelle Zäune?
- In welchen Ländern sind virtuelle Zäune bereits erlaubt?
- Mit welchen Problemen kämpfen die Hersteller?
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