Ein schmaler Forstweg führt durch den hügeligen Mischwald im Allgäu. Schleifspuren von gerückten Stämmen zeichnen sich am erdigen Wegesrand und auf der steinigen Deckschicht ab. Profilmuster von Forstreifen findet man dagegen nirgends.
Stattdessen erkennt man hier und da die Hufabdrücke des 8-jährigen belgischen Kaltbluthengst Rune. Der stößt gerade wieder aus dem Unterholz auf den Weg vor. Mit rund 900 kg Lebendgewicht und einem Stockmaß von über 170 cm ist er eine imposante Erscheinung. Die Muskeln zeichnen sich unter dem blaugrauen Fell ab, als er sich mit voller Kraft ins Kummet wirft. Zugstränge und Rückekette sind voll gespannt. An ihrem Ende hängt ein schwerer, frisch geschnittener Laubholzstamm – vier Meter lang, 20 cm im Durchmesser. Rune will gerade einen weiteren Schritt nach vorne gehen, als hinter ihm aus dem Aufwuchs ein langgezogenes: „Öhhhp! Wüst. Wüst. Komm Bua.“ tönt. Der Hengst hält sofort inne, bewegt seine Vorderhand ein wenig nach links und zieht wieder an. Erneut ein Rufen, erneut eine leichte Richtungskorrektur.
Das Kaltblut hat den Baumstamm mittlerweile zur Hälfte auf den Forstweg gezogen, als nun auch Joshua Pritzi zu sehen ist. Der 26-Jährige trägt schwere Sicherheitsschuhe, dunkle Arbeitshose, hellgraues T-Shirt, grüner Filzhut. Sein Blick fällt auf einen kleinen Polter am Wegrand. In aller Ruhe lotst er Rune mit seiner Stimme weiter, bis der Stamm säuberlich auf den anderen liegt. Joshua – den meisten in der Branche als Joshi bekannt – hängt die Kette aus und lässt den mächtigen Hengst kurz verschnaufen.

Erstaufforstung und Vorlieferung
Derweil erklärt er: „Holzrücken mit Pferden wird trotz aller moderner Technik noch immer nachgefragt. Gerade Förster und Waldbesitzer, die Wert auf eine schonende Waldbewirtschaftung legen, holen uns.“
Joshua lebt in der vierten Generation auf dem Bilgerhof in Aichstetten, 60 km nördlich des Bodensees, zusammen mit seinen Eltern Andrea und Robert. Inmitten dieser waldreichen Region hat sich die Familie mit der Tradition des Holzrückens mit Pferd einen Namen gemacht. Als ausgebildeter Pferdewirt und Hufschmied arbeitet Joshua täglich mit den edlen Tieren. Im Forst unterstützt er bei Bedarf seinen 49-jährigen Vater, der als selbstständiger Holzrücker heutzutage vor allem mit seinem Rückezug den Harvestern nacharbeitet.
Waldschonung statt Hochleistung
Joshua genießt sichtlich die Arbeit mit Rune. Er klopft ihm anerkennend auf den Hals und meint: „Mit dem Pferd arbeiten wir hauptsächlich in Erstaufforstungen mit dichten Jungbeständen. Ganz oft liefern wir auch Stämme an Rückgassen vor.“ Hier liegen für ihn die Vorteile des Rückens mit Pferd klar auf der Hand: „Bei Gassenabständen von 40 bis 50 Meter reicht ein Forstkran nicht so weit. Und das weite Seilen mit der Winde verursacht oft Schäden, gerade in dichten Beständen. Da sind wir im Gespann wesentlich flexibler.“
Aber auch schneller? Wie viele Festmeter Joshua und Rune in der Stunde rücken können, umfasst eine große Spanne. Zu sehr hängt die Leistung von Bestand, Geländemodellierung, Untergrund und Bewuchs ab. Der Allgäuer erinnert sich aber an eine Faustregel seines Großvaters: „Bei einem Fichtenbestand mit 70 Jahren, einem Gassenabstand von 50 Metern, einer ebenen Fläche und mäßigem Unterwuchs schafft ein Gespann etwa zehn Festmeter in der Stunde.“ Sind Pferd und Fuhrmann topfit, können es im besten Fall schon einmal 100 Festmeter am Tag sein. „Dabei sind Stammdurchmesser von bis zu 30 cm möglich“, weiß Joshua. „Das Rücken mit Pferd ist natürlich auch körperlich anstrengender als mit Maschinen.“

Damit sich die Arbeit mit dem Pferd lohnt, verlangt Familie Pritzi 70 Euro pro Stunde. „Das sind im ersten Moment Kosten, die sich manche Waldbauer sparen wollen. Häufig seilen die dann das Holz selber an die Gasse oder den Weg“, berichtet Joshi aus seiner Erfahrung. „Wenn man aber sieht, wie viele Stunden sie sich dann mit ihren kleinen Dreipunktwinden abmühen und dabei noch zig stehende Bäume verletzen, ist das auch nicht wirtschaftlicher.“
Mehrjährige Ausbildung
Ein weiterer Grund für den relativ hohen Stundensatz, liegt in der Ausbildung des Pferdes. „Wir bilden in der Regel junge Pferde ab einem Alter von drei Jahren aus. Bis wir sie dann als vollständige Arbeitskraft im Wald einsetzen können, dauert es etwa zwei Jahre.“ Erst dann ist ein Pferd völlig ausgewachsen und robust.
Bei den Rassen setzt Familie Pritzi auf belgische, rheinisch-deutsche und süddeutsche Kaltblüter. „Ein gutes Rückpferd muss ausdauernd und ruhig sein, aber auch viel Kraft mitbringen, um die schweren Lasten zu bewegen“, erklärt Joshua. „Und es braucht viel Übung.“
Holzrücken als Sport
Als gute Trainingsmöglichkeit nutzen Robert und Joshua Pritzi auch die Wettbewerbe, die es beim Holzrücken mit Pferden gibt. Diese sind noch anspruchsvoller als die Arbeit im Wald: „Dabei müssen die Pferde den Stamm durch einen Parcours manövrieren. Es gibt schmale Tore, Wasserbecken oder 90 Grad Kurven als Hindernisse. Auch das Aufpoltern und rückwärts „einparken“ ist meist Bestandteil im Turnier. Je schneller man durchkommt, umso mehr Punkte gibt es.“
Bei den Wettbewerben und der Vorbereitung dazu verfeinert Joshua auch die Präzision, die für die Waldarbeit erforderlich ist. Das hat der junge Allgäuer mittlerweile schon fast perfektioniert. Nicht umsonst ist er derzeit auch für zwei Jahre amtierender Deutscher Meister im einspännigen Holzrücken. „Doch dabei soll es nicht bleiben“, sagt er lächelnd: „Mein Vater ist aktuell doppelter Europameister – im ein- und zweispännigen Holzrücken. Das wäre schon auch irgendwann mein Ziel.“ Joshua selber erhielt bei der Europäischen Meisterschaft in der Nähe von Detmold den Sonderpreis für das harmonischste Gespann.
Tradition als moderne Lösung
Die Familie Pritzi hat es geschafft, die traditionelle Holzernte mit Pferd nicht nur als Handwerk zu bewahren, sondern auch als moderne Lösung für die Forstwirtschaft fortzuführen. So lebt die Tradition des Holzrückens mit Pferd auf dem Bilgerhof weiter. Den Stolz und die Freud merkt man Joshua sichtlich an. Doch bevor er noch weiter schwärmen kann, gibt ihm Rune mit einem Nasenstüber einen unmissverständlichen Hinweis: „Lass uns weitermachen. Wir sind nicht zum Reden, sondern zum Arbeiten hier.“














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