Weihnachten ist die Zeit traditioneller Bräuche, die oft weit zurückreichen. Mit dem traditionellen Christkindlesgehen im fränkischen Breitensee (Landkreis Rhön-Grabfeld) nahe der Landesgrenze zwischen Bayern und Thüringen wird eine über 500 Jahre alte Tradition am Leben erhalten. Verkleidete Jugendliche beschenken dort an Heiligabend jedes Jahr die Kinder und erscheinen in rund 50 Häusern mit dem Friedenslicht. Die reimenden Texte, die vorgetragen werden, wurden von Generation zu Generation überliefert. Der bunte Auftritt wird zu einem freudigen Augenblick und erinnert Erwachsene wohl wehmütig an ihre eigene Kindheit. Vier Akteure sind es, die Glanz und frohe Stimmung in die Wohnstuben zaubern: das Christkind, der Mohr, der Hirte und der Ansager. Das Christkind tritt auf im weißen langen Kleid, trägt eine Krone auf dem Haupt und hält den mit Plätzchen gefüllten Geschenkkorb. An seiner Seite ist ein Mohr, der einen kleinen, mit Weihnachtskugeln geschmückten Christbaum hält – ein durchaus weihnachtliches Bild. Der Hirte kommt mit langem weißen Vollbart, einem Hut und grünem Mantel sowie Hirtenstab daher – wie man sich einen Hirten vorstellt. In Händen hält er auch die Laterne mit dem Friedenslicht von Bethlehem, das zum Segen des Hauses und seiner Bewohner werden soll. Komplett ist das Ensemble mit dem Anführer oder Ansager, der ähnlich wie der Hirte aussieht und mit einer kleinen Glocke klingelt. Die Verkleideten ziehen von Haus zu Haus, um die Freude von der Geburt Christi in Bethlehem zu verkünden. Dabei beschenkt das Christkind die Kinder mit Plätzchen. Der Nachwuchs kann wählen zwischen Springerli, Anis, Vanillekipferl, Heinerli und Spritzgebäck.
Zum ersten Mal Christkind
Franziska Schneider trat 2022 im Amt des Christkinds das erste Mal auf. Für die damals 15-Jährige Schülerin war dies eine besondere Ehre. Fast jedes Jahr wechselt die Person in der Hauptrolle wie in den übrigen Positionen. Schwarz geschminkt stand Leni Bötsch als König aus dem Morgenland mit Turban und rotem Gewand verkleidet neben dem Christkind. Sie präsentierte einen kleinen, mit Kugeln geschmückten Christbaum. Auf Wunsch des Reporters stellte sich später das gesamte Team 2022 zum Erinnerungsbild vor ein schmuckes Fachwerkhaus nahe der Dorfkirche. Dazu gehörten Leonie Gill (Hirte), Leni Bötsch (Mohr), Franziska Schneider (Christkind) und Konstantin Gütlein (Anführer). Voraus schreitet stets der Anführer oder Ansager in einem weißen Gewand. Ausgestattet mit künstlichem Vollbart und einem Hut, ist es seine Aufgabe, mit der Glocke zu klingeln und erst zu fragen, ob der Hausvater oder die Hausmutter das „heilige Kind“ hereinlassen möchte. Antwortet man mit „Ja“, so kommt das Christkind im schneeweißen Kleid und Schleier vor dem Gesicht (manchmal auch ohne Gesichtsverhüllung) mit den Begleitern herein. Als Erster spricht der Ansager: „Guten Abend, ihr lieben Herrn, der heilige Christ ist auch nicht fern. Ich glaub‘, es geht was Neues vor, ich hört ’nen schönen Engelchor!“ Daraufhin sagt das Christkind: „Christkindlein werd‘ ich genannt. Allen Kindern wohlbekannt, die früh aufstehen und beten gern. Denen will ich alles wohl bescher‘n. Die aber solche Bösewicht sein und schlagen Brüder und Schwesterlein, die kommen in die Höll‘ hinein.“ Das Christkind bittet die Kinder dann, nach vorne zu kommen, um ihre verpackten Geschenke abzuholen und Plätzchen aus einem Korb zu nehmen. Freilich traut sich der Nachwuchs nicht gleich, den ersten mutigen Schritt zu machen. Doch durch gutes Zureden wagen sich die Kinder in der Regel dann doch, in den Mittelpunkt zu treten. Wenn die Kleinen zu viel Angst zeigen und sich aus dem familiären Kreis nicht herauslösen möchten, legt das Christkind die Geschenke einfach auf einen Tisch. Zuvor werden sie im Hausflur platziert und von den Eltern oder Erziehungsberechtigten an das Christkind übergeben. Auch der Mohr entledigt sich seiner Pflicht: „Ich bin der König aus dem Morgenland. Die Sonn‘ hat mich schwarz gebrannt. Wär‘ ich geboren an der See, wär‘ ich viel weißer als der Schnee.“ Diese Szene erinnert ein wenig an die Heiligen Drei Könige, die dem Kind im Stall von Bethlehem Geschenke überbrachten. Gekonnt in Szene setzt sich am Ende noch der Hirte, der mit seinem Stab dreimal auf den Fußboden aufstößt, um zu Wort zu kommen. Denn ihm bleibt es vorbehalten, die Weihnachtsbotschaft zu überbringen: „Als ich bei meiner Herde Nachtwache hielt, erschien mir der Engel des Herrn und brachte mir die frohe Botschaft, dass in der Stadt Davids der Heiland geboren sei, welcher ist Christus der Herr.“ Nachdem die Gruppe ein frohes Weihnachtsfest gewünscht hat und danach noch kurz verweilt – etwa für ein Erinnerungsbild mit den Kindern –, ziehen die Verkleideten mit ihrem hell klingenden Glöckchen und der Laterne eilends zum nächsten Haus weiter.
Ehrenbesuche für Amtsträger
Pfarrer, Lehrer und Bürgermeister erhielten früher von der Christkind-Gruppe eine dicke Zigarre überreicht. In der Regel besucht das Ensemble am Vortag von Heiligabend in der Gemeinde Herbstadt, zu der Breitensee als Ortsteil gehört, auch den Bürgermeister, Georg Rath. Ihn freut es, dass der einmalige Brauch in der Gemeinde gepflegt wird und lebendig bleibt.
Lichtfeier in der Kirche
Bevor sich die Akteure auf den Weg machen, wird in der örtlichen Pfarrkirche eine Lichtfeier abgehalten. Im Mittelpunkt der musikalisch ausgestalteten Besinnungsstunde steht das Thema: „Jesus, das Licht der Welt.“ Bei vielen brenneden Kerzen wird gebetet und gesungen, um sich auf die Heilige Nacht einzustimmen. Am Ende positionieren sich die Gruppenmitglieder des Christkindlesgehens am Altar zur Aussendung. Diese Segenshandlung nimmt die zuständige Wortgottesdienstbeauftragte vor, die durch das Programm der Lichtfeier führt: Monika Heusinger.

Alles hilft zusammen
Gefördert wird die Traditionspflege in Breitensee vor allem von Frauen. In der Reihe der Engagierten stand schon Jutta Hesselbach, die sich zum Beispiel um die Einkleidung der Akteure kümmerte. Aber auch andere Namen wären hier zu erwähnen. Für die Gewänder ist seit vielen Jahren zum Beispiel Andrea Bötsch zuständig. Sie trägt dafür Sorge, dass alle Gruppenmitglieder attraktiv für ihre Rollen eingekleidet werden Die gelernte Näherin stellt in ihrem Metier zudem die Kleider individuell für die Sternsinger zusammen. Die Plätzchen zu backen, die das Christkind im Korb mitführt, diese Aufgabe übernehmen bereitwillig Eltern der Akteure. Um den alten Brauch zu pflegen und am Leben zu erhalten, helfen die Leute in Breitensee hinter den Kulissen beispielhaft zusammen.
Schöne Erinnerungen
Noch gut erinnern kann sich Christa Gütlein an den Brauch, als ihre Töchter Michaela und Alexandra das Christkind und den Mohr verkörperten. Sie selbst war schon vor ihnen als junges Mädchen in eine der ehrenwerten Rollen geschlüpft. „Der Christkindles-Gruppe anzugehören, ist in Breitensee noch immer eine große Ehre“, erzählt sie. Da es immer weniger Schulkinder im Ort gibt, hält sich heute die Auswahl der Akteure jedoch in Grenzen. Aber es gelingt immer wieder, Buben und Mädchen für diese alte Tradition zusammenzutrommeln. Vor Jahrzehnten war es noch ganz anders: Gleich mehrere Interessentinnen bewarben sich um das Amt des Christkinds. Da gab es noch mehr Kinder im Ort. So musste schließlich das Los entscheiden, wer im weißen langen Kleid mit dem Ensemble durchs Dorf ziehen durfte. Fing die Auswahl einst erst bei den 15- und 16-Jährigen an, werden heute mangels Kinder schon die Elfjährigen in die Tradition hineingenommen. Jedes Jahr stellt sich wegen der begrenzten Zahl an Kindern die Frage, wer bereit ist, mitzumachen. Doch zum Glück gelang es bisher immer, die nötigen Mädchen und Buben für die Gruppe zu gewinnen.
Ersatz für Nikolaus?
Wie es heißt, ist der Brauch vermutlich ein Erbe der Reformationszeit im 16. Jahrhundert. Damals wurde in manchen Gemeinden Sankt Nikolaus als Geschenkbringer „abgeschafft“. An dessen Stelle trat dann das Christkind. So entstand in Breitensee das traditionelle Christkindlesgehen. Ähnlich ist der Brauch im thüringischen Hindfeld unweit von Breitensee. Auch dort beginnt am Spätnachmittag des Heiligabends eine „Lichtleskirch“. Im thüringischen Gleichamberg ziehen Christkind, Ruprecht, Herrschecloes und Bettelfrau durchs Dorf, während sich in Westhausen im Heldburger Unterland Konfirmanden als Christkind, Nikolaus und Knecht Ruprecht verkleiden. Sie beschenken schon am Vormittag des Heiligabends die Kinder im Ort. Der lutherische Theologe Martinus Bohemus (1557–1622) wies Protestanten 1608 in einem Kirchenkalender darauf hin, dass nicht der Nikolaus, „… sondern das Christkindlein alles Gute an Leib und Seele schenke.“







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